Podiumsdiskussion
Existenzielle Frage
Die Fleischbranche will der betäubungslosen Ferkelkastration ein Ende machen. Der Druck der Tierschützer wächst, sie drohen mit einer Kampagne und wollen die Öffentlichkeit mobilisieren.
Text: Heidrun Mittler,
11. März 2011
Schnipp-schnapp – wie ab? Der Titel der Podiumsdiskussion sorgte wider Erwarten nicht für Lacher im Saal. Den Fachleuten beim 19. Deutschen Fleischkongress war die Ernsthaftigkeit des Themas klar. Über die Dimension allerdings (und die Auswirkungen, die das Problem noch verursachen könnte) staunten selbst einige der Fachleute. Dr. Hermann-Josef Nienhoff, Geschäftsführer der QS Qualität und Sicherheit GmbH, stellte in seinem Eingangsstatement klar: Jeden Tag werden bei uns in Deutschland etwa 75.000 Ferkel kastriert, und das ohne Betäubung. Mit diesem blutigen Eingriff wird seit Jahrhunderten verhindert, dass die männlichen Schweine nach der Geschlechtsreife stinken und ihr Fleisch damit nicht verkaufsfähig ist.
Dagegen laufen Tierschützer Sturm. Thomas Schröder, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Tierschutzbundes, forderte auf der Bühne ein sofortiges Ende der Kastration ohne Betäubung. Sein Verband begleite gern die Projekte zur Ebermast-Forschung, aber die Schweinezüchter müssten nun sofort handeln, so sein Credo. Spätestens als das Plakat „Fühl dich wie ein Schwein" eingeblendet wurde, das die gleichnamige Kampagne begleitet, wurde den Zuschauern bewusst, wie brenzlig das Thema in der Öffentlichkeit noch werden könnte: Das Plakat zeigt einen schmerzverzerrten, offensichtlich kastrierten Mann.
Clemens Tönnies, Geschäftsführer der Tönnies Fleischwerke, hat das längst verinnerlicht. „Die Fleischbranche ist schon oft verprügelt worden", weiß er aus Erfahrung. Doch auch wenn der Verbraucher ein kurzes Gedächtnis habe, sei dieses Thema doch „existenziell". Denn, so Tönnies: „Kastrieren ist eine Schweinerei", und Tierschutz sei nicht teilbar, sondern gehe alle an. Sein Unternehmen zählt zu den Vorreitern bei der Jungebermast.
Burkhard Kallenbach, Geschäftsführer Kaufland Fleischwaren, wies darauf hin, dass man den Tönnies-Standard „noch nicht auf die gesamte Branche übertragen" könne, die Systeme müssten erst noch reifen. Dieses Argument konterte Clemens Tönnies: Er lud die gesamte Branche zu einem Runden Tisch ein, bei dem er sein Projekt erläutern würde und es Fachleuten ermögliche, sich die praktische Umsetzung anzusehen. Schließlich müsse die ganze Branche das Problem lösen.
Hubert Kelliger, Vertriebsleiter Westfleisch, verwies darauf, dass „alle großen Schlachtereien unterwegs sind", wenn auch nicht so weit wie Tönnies. Er jedenfalls werde der Einladung folgen. Ziel sei es, den Ebergeruch zu erkennen – auch wenn die Jungeber vor der Geschlechtsreife geschlachtet werden, produzieren doch einige die Hormone, die das Stinken verursachen. Beim Tönnies-Projekt konnte die Zahl der „Stinker" bereits auf 3,5 bis 4 Prozent reduziert werden.
Hubert Kelliger betonte daraufhin, wie wichtig eine Verbesserung der „elektronischen Nase" sei. Tönnies stimmte ihm zu: Dieses Gerät funktioniere, sei aber noch nicht für den Einsatz am Schlachtband geeignet. Derzeit werde noch die altbekannte Koch- und Bratprobe genommen, um das stinkende Fleisch sicher zu erkennen.
Paul Daum, oberster Qualitätsmanager bei Kaiser's Tengelmann, betonte, dass man „auf der Zielgeraden" sei und wie wichtig es sei, das Fleisch mit dem „unerträglichen Geruch" auszusortieren. „Das können wir nicht in unsere Theken legen."
Valerie Holsboer, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Systemgastronomie, die als studierte Juristin schon „mehr Ställe als Gerichtssäle besucht hat", unterstrich Daums Forderung: „Die Systemgastronomie braucht standardisiertes Fleisch." Schweinefleisch mit schlechtem Geruch sei undenkbar in den Filialen. Zudem warnte sie davor, dass im Zuge der Ferkelkastration „nicht die gesamte Nutztierhaltung kritisch hinterfragt" werde.
Tierschützer Schröder erkannte die Fortschritte durchaus an. Aber gleichzeitig verwies er auf die „25 Jahre Geduld", die man schon mit der Branche gehabt habe, nun werde aufs Tempo gedrückt. Bis 2012 müsse die betäubungslose Ferkelkastration verboten sein. Ansonsten setze man eine breite Kampagne in Gang (ein TV-Spot ist schon fertig, man kann ihn im Internet anschauen www.deutscher-tierschutzbund.de). Genau das aber will die Fleischbrache unbedingt verhindern. Paul Daum: „Es interessiert den Kunden an der Fleischtheke kaum, wie ein Tier gelebt hat – außer, er erfährt es."
//// Weitere Infos: Lebensmittel Praxis 23/10, S. 134 f. oder online: „Eberfleisch: Stinker spalten" (hier klicken)
Dagegen laufen Tierschützer Sturm. Thomas Schröder, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Tierschutzbundes, forderte auf der Bühne ein sofortiges Ende der Kastration ohne Betäubung. Sein Verband begleite gern die Projekte zur Ebermast-Forschung, aber die Schweinezüchter müssten nun sofort handeln, so sein Credo. Spätestens als das Plakat „Fühl dich wie ein Schwein" eingeblendet wurde, das die gleichnamige Kampagne begleitet, wurde den Zuschauern bewusst, wie brenzlig das Thema in der Öffentlichkeit noch werden könnte: Das Plakat zeigt einen schmerzverzerrten, offensichtlich kastrierten Mann.
Clemens Tönnies, Geschäftsführer der Tönnies Fleischwerke, hat das längst verinnerlicht. „Die Fleischbranche ist schon oft verprügelt worden", weiß er aus Erfahrung. Doch auch wenn der Verbraucher ein kurzes Gedächtnis habe, sei dieses Thema doch „existenziell". Denn, so Tönnies: „Kastrieren ist eine Schweinerei", und Tierschutz sei nicht teilbar, sondern gehe alle an. Sein Unternehmen zählt zu den Vorreitern bei der Jungebermast.
Burkhard Kallenbach, Geschäftsführer Kaufland Fleischwaren, wies darauf hin, dass man den Tönnies-Standard „noch nicht auf die gesamte Branche übertragen" könne, die Systeme müssten erst noch reifen. Dieses Argument konterte Clemens Tönnies: Er lud die gesamte Branche zu einem Runden Tisch ein, bei dem er sein Projekt erläutern würde und es Fachleuten ermögliche, sich die praktische Umsetzung anzusehen. Schließlich müsse die ganze Branche das Problem lösen.
Hubert Kelliger, Vertriebsleiter Westfleisch, verwies darauf, dass „alle großen Schlachtereien unterwegs sind", wenn auch nicht so weit wie Tönnies. Er jedenfalls werde der Einladung folgen. Ziel sei es, den Ebergeruch zu erkennen – auch wenn die Jungeber vor der Geschlechtsreife geschlachtet werden, produzieren doch einige die Hormone, die das Stinken verursachen. Beim Tönnies-Projekt konnte die Zahl der „Stinker" bereits auf 3,5 bis 4 Prozent reduziert werden.
Hubert Kelliger betonte daraufhin, wie wichtig eine Verbesserung der „elektronischen Nase" sei. Tönnies stimmte ihm zu: Dieses Gerät funktioniere, sei aber noch nicht für den Einsatz am Schlachtband geeignet. Derzeit werde noch die altbekannte Koch- und Bratprobe genommen, um das stinkende Fleisch sicher zu erkennen.
Paul Daum, oberster Qualitätsmanager bei Kaiser's Tengelmann, betonte, dass man „auf der Zielgeraden" sei und wie wichtig es sei, das Fleisch mit dem „unerträglichen Geruch" auszusortieren. „Das können wir nicht in unsere Theken legen."
Valerie Holsboer, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Systemgastronomie, die als studierte Juristin schon „mehr Ställe als Gerichtssäle besucht hat", unterstrich Daums Forderung: „Die Systemgastronomie braucht standardisiertes Fleisch." Schweinefleisch mit schlechtem Geruch sei undenkbar in den Filialen. Zudem warnte sie davor, dass im Zuge der Ferkelkastration „nicht die gesamte Nutztierhaltung kritisch hinterfragt" werde.
Tierschützer Schröder erkannte die Fortschritte durchaus an. Aber gleichzeitig verwies er auf die „25 Jahre Geduld", die man schon mit der Branche gehabt habe, nun werde aufs Tempo gedrückt. Bis 2012 müsse die betäubungslose Ferkelkastration verboten sein. Ansonsten setze man eine breite Kampagne in Gang (ein TV-Spot ist schon fertig, man kann ihn im Internet anschauen www.deutscher-tierschutzbund.de). Genau das aber will die Fleischbrache unbedingt verhindern. Paul Daum: „Es interessiert den Kunden an der Fleischtheke kaum, wie ein Tier gelebt hat – außer, er erfährt es."
//// Weitere Infos: Lebensmittel Praxis 23/10, S. 134 f. oder online: „Eberfleisch: Stinker spalten" (hier klicken)
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